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24.02.2014: Rede von Dr. Gerhard Kalinka

Dr. Gerhard Kalinka
Mitglied des Vertreterrats des Brandenburgischen Volksbegehrens für ein strenges Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr am Hauptstadtflughafen BER

Statement anlässlich der Anhörung des BER-Sonderausschusses im Landtag in Potsdam am 24.2.2014

Stimmt es, dass ein Flughafen ein „Job-Motor“ ist und Beschränkungen diesen Motor abwürgen?
An den deutschen Flughäfen sind insgesamt 130.000 Menschen beschäftigt. Etwas das 1.4-Fache kommt an Menschen hinzu, die indirekt mit und durch den Flughafen beschäftigt werden.
In der Summe sind somit 300.000 Arbeitsplätze mit dem Flugverkehr verbunden. Das „Job-Wunder“ besteht nun darin, dass die Passagierzahlen schneller steigen als das BIP.

Zuwachs an Auslandsreisen führt zu Abbau hierzulande
ERSTENS sage ich dazu:
Wenn aber Passagierzahlen und Umsätze schneller als das BIP steigen, heißt das nur, dass ein größerer Anteil der vorhandenen Kaufkraft in die Luftfahrt fließt – und damit aus anderen Branchen abgezogen wird.
Wer also seinen Urlaub auf Mallorca oder in Thailand verbringt, der fährt nicht Bahn, Bus oder Auto und bucht auch kein Hotel an der Ostsee oder am Bodensee samt allen Zusatzleistungen. Umsätze und Arbeitsplätze, die an Flughäfen entstehen, werden zumindest zum Teil durch Verluste in anderen Branchen erkauft.
Gerade in Berlin entstehen die Arbeitsplätze am BER nicht aus dem Nichts, sondern werden sich hauptsächlich aus den ohnehin schon in Tegel und Schönefeld Beschäftigten rekrutieren.

Trend zum Billigflieger
ZWEITENS kommen der Trend zum Billig-Flug und der Rationalisierungsdruck hinzu.
• 1975 kamen auf 1Mio Passagiere noch 2100 Jobs in der Luftfahrtbranche
• 2005 waren das noch 850 Jobs.
• heute geht der Trend in Richtung 500, wobei die Zahl bei Billig-Airlines teilweise schon unter 300 liegen.
Der Flugverkehr wird drastisch rationalisiert. Immer weniger Mitarbeiter transportieren immer mehr Passagieren.
Die steigenden Passagierzahlen werden gerne genannt, über den Abbau von Arbeitsplätze beim sog. „Job-Motor“ still geschwiegen.
Flugverkehr transportiert Menschen – und Kaufkraft
Dann wird einem entgegengehalten „Die Touristen bringen doch Kaufkraft nach Berlin und Brandenburg, da hängen doch tausende von Jobs dran!“
Dem entgegne ich DRITTENS, dass Flugverkehr sowohl Passagiere transportiert – als auch deren Kaufkraft. Für eine Auslandsflugpauschalreise gibt ein deutscher Haushalte im Mittel etwa 500 € aus. Allein im Sommer gibt es etwa 15 Mio Urlaubs-Flugreisen – es geht also um 7,5Mrd. Euro.Das Geld jedes Reisenden fließt zu einem kleinen Teil den Airlines und Flughäfen im Inland zu, den weitaus größeren Teil bekommen jedoch die Hoteliers und Geschäftsleute am Zielort.
Es fließt also Kaufkraft von Deutschland ins Ausland und umgekehrt auch Kaufkraft von Touristen und Geschäftsleuten aus dem Ausland zu uns. Und zwar fliegen etwa doppelt so viele Deutsche ins Ausland wie ausländische Touristen zu uns.
Dementsprechend wird deutlich mehr Kaufkraft ins Ausland geflogen als zurückgeholt. Nehmen wir an, das jeder Deutschland-Besucher genau soviel ausgibt, wie jeder Deutsche im Ausland, ergibt sich eine Differenz von knapp 4 Mrd. Euro, die jedes Jahr im Ausland ausgegeben werden und dort (nicht hier) für Arbeitsplätze zur Verfügung steht.
Und je mehr Menschen mit Billigfliegern ins Ausland reisen, desto größer ist dieser Kaufkraftentzug, der der einheimischen Wirtschaft nicht mehr zur Verfügung steht.
Der Fluglärm beeinflusst auch ganz direkt touristische Regionen hier im schönen Brandenburg, sofern sie in Richtung der An- und Abflugstrecken liegen.

Erfahrungen mit Nachtflug in anderen Ländern
Aber die Geschäftsreisenden! Ein Flughafen fördert doch den internationalen Handel! Ja, aber wenn das überhaupt per Flugzeug sein muss müssen diese Flüge nicht in der Nacht liegen.
Manager wollen nicht vor 6 Uhr starten und nicht nach 22Uhr zurückkommen. Das hieße um vier zu Hause los bzw. nach Mitternacht zu Hause ankommen.
Japan ist wohl unverdächtig, nicht an internationalen Geschäftsbeziehungen interessiert zu sein. Der internationalen Flughäfen von Tokyo kommt auch bei Interkontinentalverbindungen gut OHNE Nachtflüge aus – dort gibt es ein Nachflugverbot.

Fazit:
• Flugverkehr ist ein Hocheffizienz-Sektor mit immer weniger Arbeitsplätzen pro Passagier.
• Steigende Passagierzahlen sind kein Indiz für Kaufkraft-Zufluss – im Gegenteil
• Nachtflug ist für den Geschäftsverkehr uninteressant.
Quellen
Prof. Thießen für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung, Kurzfassung in „WiSo direkt“ Okt. 2013
Link: http://library.fes.de/pdf-files/wiso/10252.pdf
http://de.statista.com/infografik/1770/flugurlaubsziele-der-deutschen-im-sommer-2013